Die Thüringer Allgemeine berichtete am 10.3.2012
Erfurter Combo feiert 40. Geburtstag
Urgesteine der Erfurter Rockszene, erst als Universum, dann als die Golden Sixties Band: Andi Kunte, die Gründungsmitglieder Hans Pietschmann und Walter Schubert und Thomas "Keule" Hofmann (von links). Foto: Marco Schmidt
Die Musiker der Golden Sixties Band haben sich 1972 zusammengetan. Ihr Jubiläum begehen sie mit einer Party im Kaisersaal. Am 31. März treten dort zur 11. Beatnacht auch ähnlich betagte Rocker anderer Bands auf.
Erfurt. "Da mussch erstma nachdenken". Walter Schubert spricht feinstes Erfurter Deutsch, bevor er die Stirn in Falten legt und in seinem Speicher zu suchen beginnt. Er soll sagen, wieviele Muggen - Rockmusiker sagen nicht Auftritt, sondern Muggen - er mit seiner Geliebten so im Laufe seines Lebens hingelegt habe.
Die Geliebte ist die Beatcombo mit den zwei Namen Universum bzw. Golden Sixties Band, die auch im Gotha viele Freunde hat. Irgendwann gibt Schubert, Gründungsmitglied von Erfurts ältester Band, auf und murmelt etwas von "Vielleicht 3000, ach schreib einfach 3500, ich weiß nicht so recht".
Wie soll er auch wissen, wieviel mal er die Keyboards aufgebaut hat und dann mit seinen Kumpels loslegte. Er hat ja nicht mal geglaubt, dass mal irgendwann tatsächlich eine 40 bei der Betriebszugehörigkeit stehen würde. "Die 30 war mir schon suspekt", sagt Schubert, selber Jahrgang 49.
1972, irgendwann im Frühling, hatten eine Handvoll Jungrocker - Walter Schubert, Jürgen Kerth, Roland Michi, Ede Förster und Micha Kuhs - die Idee, eine Band zu gründen. Der Name war schnell gefunden. Nur über den offiziellen Start sind sich die Mitglieder bis heute nicht einig. Leinefelde wird in dem Zusammenhang aber auffallend oft genannt.
Santana, Deep Purple, Boston, Beatles, Stones, Fleetwood Mac - alles was sich nicht wehren konnte, wurde nachgespielt. Die Konzerte wurden mangels eigener Transportkapazität anfangs fast nur in Thüringen absolviert. Die meisten Konzerte waren aber Heimspiele. Im Stadtgarten, im "Fritzer" in der Talstraße. Letzteres Etablissement wurde zur guten Stube von Universum. Dort probte die Band, dort gab sie zwei Mal pro Monat ein Konzert.
Legendär ist das brennende Schlagzeug von Eddi "Ede" Förster. Auf dem Saal in Walschleben fing es Feuer. Zwei überhitzte Scheinwerfer fackelten ab und setzten die "Schießbude" des Drummers gleich mit in Brand. Das Publikum glaubte, es sei eine neue Pyro-Show. Der Karriere tat diese heiße Affäre aber keinen Abbruch.
Die Besetzung wechselte mehrfach im Laufe der Jahre. 1979 kam Hansi Pietschmann dazu. Und blieb bis heute. Zwei Jahre nach ihm stieß Thomas Hansmann hinzu. Mit Eddi Förster und Walter Schubert bildete dieses Kleeblatt den Kern der Band, der 18 Jahre lang zusammenblieb. Das Repertoire wurde etwas weicher, Universum stieg auf Oldies um, spielte Hits von Simon&Garfunkel, Dylan, CCR, den Equals. 1999 schied Hansmann aus, Andi Kunte übernahm die freien Saiten am Bass.
150 Auftritte im Jahr keine Seltenheit
150 Termine pro Jahr - quer durch die ganze DDR - waren seinerzeit nicht selten. Dazwischen lagen legendäre Muggen im Erfurter Musikantenklub und an der Trasse. Und das Universum-Quartett wurde mit dem Titel "Hervorragendes Volkskunstkollektiv" dekoriert. Der aber war mit dem Zusammenbruch der DDR dann nur noch Makulatur.
Dafür ging es am Anfang extrem schlecht. Alle wollten in den Westen. Nun gut, da gehen wir eben mit, dachten sich die Musiker. Und hatten Glück bei einer Agentur in Kassel. Die sicherte Auftritte für die Golden Sixties Band, wie Universum seit jener Zeit heißt. Von da an ging es wieder aufwärts.
Konzerte allerorten, Oldieabende, Auslandsmuggen, Privatparties, Stadtfeste, Firmenfeiern - die Erfurter waren wieder gut gebucht. Selbst bis nach Holland und Belgien schafften es die Vier.
Und als gar eine Einladung zu einem fünftägigen German Fest in Milwaukee kam, färbte sich die Welt rundum rosarot. Die Ossis wurden im Juli 2010 von tausenden begeisterter Amis gefeiert. Alles schien gut.
Spielen, solange es Spaß macht
Der Einschlag kam drei Monate später. Ohne Vorwarnung verstarb am 1. November 2010 Schlagzeuger Eddi Förster, damals gerademal 62 Jahre alt. Es zog der Band fast die Beine weg. Eine Woche lang habe man darüber gegrübelt, ob es nicht das Beste sei, aufzuhören. "Aufgeben wäre aber nicht in Edes Sinn gewesen", sagt Walter Schubert. Zumal man ja von irgendwas leben musste. Die Suche nach einem neuen Schlagzeuger war erfolgreich. Thomas Hofmann, alias Keule, ebenfalls
Urgestein der Erfurter Rockszene, klopft seit gut einem Jahr auf Becken und Felle zum Takt der Oldies. Die Songauswahl hat sich indes nicht verändert.
Spielen bis zur Rockerrente, den Puhdys oder den Stones Konkurrenz machen? "Die Frage stellt sich nicht", sagt Walter Schubert. "Denn Ausstieg legen wir selber fest. Solange es Spaß macht, man uns hören will und die Gesundheit passt, wird gerockt", fügt er an. Doch die vier Dekaden Beatkapelle sollen gefeiert werden. Zünftig. Am 31. März im Kaisersaal.
"Wir beginnen schon 19.30 Uhr. Das liegt daran, dass wir tatsächlich elf Bands auf die Bühne bringen", sagt Schubert mit einem Grinsen. Und fängt an aufzuzählen: Polars, Feuersteine, Kerth, Universum (mit Micha Kuhs), Vital, GSB (mit Thomas Hansmann), Tumbling Dice, Galaxis, Klappstuhl, Karat (Erfurt). Viele der Musiker absolvieren Doppelauftritte in verschiedenen Bands.
Das Bonbon für die mit Universum bzw. der Golden Sixties Band alt gewordenen Rockfans dürfte aber der Auftritt der Rampenlichter in der Originalbesetzung von 1964 sein: Jürgen Kerth, Heinz-Jürgen "Gotte" Gottschalk und Siegfried "Siffte" Hörger. Es sei, sagt Schubert, extrem schwer gewesen, für das Quartett einen gemeinsamen Termin zu finden.
Aber ein 40. Geburtstag hat letztlich etwas Besonderes verdient. Eins aber ist sicher: Diese Bands, diese Musiker wird man in der Runde so wohl nie wiedererleben können. Deshalb soll die Rocker-Party auch bis in den frühen Morgen gehen.